Diese Regel ist lediglich eine „Wahrscheinlichkeitsregel“, die auf eine partielle Induktion der offenbarten Texte beruht. Eine partielle Induktion (istiqrāʾ ǧuzʾī) ist kein handfester allgemeingültiger Beweis. Vielmehr gibt es Textstellen, auf die, dieses Prinzip gewiss nicht zutrifft. Entsprechend finden wir drei solcher Textstellen.

1. Textstellen, in denen es sich definitiv nicht um den großen kufr handelt.
2. Textstellen, die sowohl um den großen als auch den kleinen kufr handeln können, entsprechend der Situation.
3. Textstellen, die über den al-kufr handeln, über den es unter den Gelehrten entzweite Meinungen gibt, ob er der große oder kleine ist.

Nun zu den Beispielen:
Zu. 1.: Bei Ibn Ḥibān wird über Abū Huraira überliefert, er hörte den Gesandten Allāhs – صلى الله عليه وسلم – sagen: „
ثَلاثٌ مِنَ الْكُفْرِ بِاللَّهِ: شَقُّ الْجَيْبِ، وَالنِّيَاحَةُ، وَالطَّعْنُ فِي النَّسَبِ
„Drei Dinge sind vom al-kufr: Das Zerreißen der Kleidung, das Schlagen der Wangen und das laute Klagen (beim Tod eines Menschen).“
Die hier erwähnten Taten sind mit Konsens der Muslime kein großer kufr.

Zu. 2.: Die Aussage Allāhs:
وَمَن لَّمۡ يَحۡكُم بِمَآ أَنزَلَ ٱللَّهُ فَأُوْلَٰٓئِكَ هُمُ ٱلۡكَٰفِرُونَ ٤٤
44. „Und wer nicht nach dem richtet, was Allah hinabgesandt hat das sind die al-kāfirūn.“
Dieser Vers umfasst beide Sorten des kufr. Zuweilen handelt es sich um den großen, mitunter aber auch den kleinen, wie z. B. durch das Vertuschen der Rechtslage in einem individuellen Fall ohne gänzliche Abänderung des schariatischen Gesetzes oder Austausch.

Zu. 3.: Der ḥadīṯ: „Zwischen dem Mann und dem aš-širk oder al-kufr ist das Unterlassen des Gebets.“ Diesen ḥadīṯ überliefert Muslim. Es ist bekannt, dass es hinsichtlich der Unterlassung des Gebets differenzierte Meinungen unter den Gelehrten gibt. Diese Meinungsverschiedenheit konnte nicht so bequem damit gelöst werden, dass das Wort „al-kufr“ hier determiniert ist.

والله المستعان وعليه التكلان.

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