Vertieft in theoretischer Theologie

Ich sprach vor einigen Tagen mit einem meiner Freunde und šuyūḫ über theologische Bücher und Streitschriften. Er fragte mich über mein Buch und sagte etwas, worüber ich selbst auch schon einige Male grübelte. Er sagte: "Wir beschäftigen die Leute mit einem Haufen theoretischer Theologie und halten sie vom Kern der Sache ab."

Der Sinn des reinen, authentischen Glaubens ist es, die Menschen spirituell Allāh taʿālā näher zu bringen. Sie sollen eine inbrünstige und überwältigende Bindung zu Ihm haben. Unermessliche Liebe, Furcht und Glorie für Ihn fühlen. Die Aqīda soll diese Aspekte nähren und fördern. Betrachtet man aber die Realität, dann wird man ohne Zögern feststellen, dass die Aqīda eine derart theoretische, polemische Form angenommen hat, (so)dass der eigentliche Sinn dahinter gänzlich verkümmert. Hochkomplexe theologische Themen werden nunmehr immer in den Vordergrund gestellt – nicht selten von Laien, die kaum in der Lage sind diese Literatur überhaupt (korrekt) zu lesen, geschweige denn zu verstehen. (Ich weiß es, weil ich einige Lesesitzungen mit dem einen oder anderen hatte. Aber auch Belehrte und Gebildete tun dies!)

Die ständige Beschäftigung damit auf Kosten des Begreifens und Erfahrens des ungetrübten Imān höhlt viele Menschen innerlich aus. Die Religion hat keinen spirituellen oder moralischen Bezug mehr und ist nur noch theoretische Theologie. Und bis der Mensch sich durch diesen Zaun ins Innere zum Kern der Aqīda durchgekämpft hat, vergehen Jahre und vlt. bekommt er es auch nie zu sehen.

Die Streitschriften, Widerlegungen, theologischen Einteilungen und Definitionen sind nur in Folge bestimmter Bedürfnisse und Notwendigkeiten entstanden. Sie sind eine Reaktionen auf krankhafte Geschwüre in der islamischen Umma gewesen und nicht zwecks Dauerbeschäftigung geschaffen.

Versteht mich nicht falsch! Ich möchte nicht sagen, dass man sich hiermit nicht befassen sollte oder dass derartige theoretische Thematiken keine Relevanz hätten. Bei der Aqīda und dem Imān geht es aber um mehr als nur die Aussagen der Ketzer, ihrer Argumente und den Gegenargumenten oder das starre Fokussieren auf ein Thema; es ist nicht sinnhaft sein ganzes Leben nur damit zu verbringen, wobei es noch zig andere Dinge gibt, die man auch kennen und begreifen muss.

Einer der Mašāyiḫ sagte einst, dass ein Merkmal der Sunna die Globalität ist. Sie wird in allen Ländern und in verschiedenen Kreisen der Muslime praktiziert. Ein Merkmal der Bidʿa ist, dass es sich bei ihr meist um lokale Dinge handelt. (Angemerkt sei, dass Smartphones, soziale Netzwerke etc. zum Zeitpunkt der Aussage noch recht frisch waren.) Was ich hierzu noch festgestellt habe ist, dass viele Sekten, Gruppen und sonstige Bewegungen nicht selten reduktionistische Anschauungen haben. D. h., sie begrenzen und reduzieren den Islam auf ein bestimmtes Thema und drehen sich dann mit ihm Kreis. Die Kassette der Neo-ḫawāriǧ ist beim Takfīr hängen geblieben, einige bei der Kalaschnikow, die Madāḫila kennen nur die Bidʿā, die Tablīġis nur das Wandern, der Ṣūfī nur den Tawassul etc.

Neben der reduktionistischen Anschauungen entwickeln sie auch Tendenzen zur Übertreibung in ihren Bereichen. Der Islam muss als ganzes genommen werden und als ganzes gelebt werden. Jeder Bereich beeinflusst den anderen und führt zur Ausgeglichenheit.