Schöner grüner Stängel auf einem Dunghaufen

Es hielt mich heute ein Hadith an, der mir nicht zum ersten Mal über den Weg lief, doch mir nie wirklich auffiel. Heute aber gewann ich aus ihm eine Erkenntnis, die mir durch die Erfahrung auch bestätigt wurde. Es mag vlt. eine Banalität sein und trivial erscheinen, mir bedeutet es aber sehr. Dies zu begreifen oder sagen wir, es vor Augen zu halten erleichtert dir den Umgang mit den Menschen, bewahrt dich vor Enttäuschungen und hilft bei Entscheidungen.

Zum Hadith:
Der Hadith wird in verschiedenen Variationen überliefert, wobei sie sich alle beim Grundgedanken schneiden. Ich führe die Überlieferung bei Muslim und anschließend die Überlieferung an, welche in diversen sekundären Werken erhalten ist.

Abu Huraira überliefert, dass der Gesandte Allahs sagte: "Die Menschen sind "Minen" wie die Minen des Silbers und Golds. Die besten in der Jahiliyya sind die besten im Islam, wenn sie belehrt sind."

In einem Wortlaut bei ad-Daraqutni und anderen, im Hadith von Abu Sa'id lautet es: "Die Menschen sind im Guten und Schlechten Minen. Die besten in der Jahiliyya sind die besten im Islam, wenn sie belehrt sind."

Diese Überlieferung zeigt uns einige interessante Aspekte des menschlichen Wesens:

1. Der Mensch hat eine tief verankerte Wesensart, die positiv oder negativ sein kann. Diese wird er in den Islam mitnehmen. Das bedeutet, dass die Annahme des Islams nicht im Nu zu einem Engel macht. Der Ausdruck "Mine" (arab. Ma'din) vermittelt außerdem, dass diese aus einer bestimmten Quelle kommen kann. Vererbte Eigenschaften > familiäre Erziehung > lokaler Einfluss. Daher lohnt sich bei einschneidenden Ereignissen wie die Heirat auch ein Blick auf die Herkunft, Familie etc.
2. In der islamischen Anschauung wird eine Wesenswandlung, Läuterung, Verbesserung der tiefen Wesenszüge und Charakteristiken nicht ausgeschlossen. Man kann wildes Tier zähmen und man kann auch den Menschen läutern. Da dieser Prozess aber ungeheuer schwer sein kann, viel Disziplin benötigt und beinahe ein Krieg mit seinem Selbst ist, wird dies oft nicht versucht und man zieht den konformeren Weg vor. Interessant ist hier das Pinguin-Prinzip von Hirschhausen. Er sagte: "Wenn man als Pinguin geboren wurde, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir in diesem Leben keine Giraffe."
Zurück zum Punkt: Man retuschiert diese Defizite auf verschiedenste Wege und manchmal rechtfertigt man sie auf religiöse Wege. Wir sehen z. B. Menschen, die immer schon auffielen durch ihren Jähzorn, ihre schnellen unüberlegten Handlungen und die Neigung zur exhaustiven Gewalt. Wenn man früher mit grimmiger Miene durch die Gassen schlenderte und jeden Passanten fragte: „Problem man? Was los lan? Ey, komm doch her alter!“, dann tut man dies heute vlt. nicht mehr. Vlt. ist man heute elegant gekleidet, lächelt und spricht freundlich, aber ist die kleinste Ursache gegeben, da kommt der alte Mensch wieder aus der Wunderlampe. Das Problem wurde nicht beseitigt. Es gibt hierfür bestimmt mehrere Faktoren, aber ich bin mir sicher, dass die Oberflächlichkeit der religiösen Vorstellungen dazu beiträgt. Tiefere islamische Erkenntnisse schütteln an den Grundfesten des Menschen; nicht nur an seiner Oberfläche. Oft ist für viele die höchste Tugend und Läuterung eine bestimmte Form des Erscheinungsbildes und es bleibt auch dabei. Dieses Verständnis wird durch diverse zeitgenössische Mode-Manahij vorgelebt und durch die allgemeine oberflächliche Herangehensweise bestätigt. Wobei der Kern der Religion - wie das Wort schon sagt - eigentlich auch im Kern des Menschen wirken muss. Wirkt es, dann wird es äußeren Einfluss haben. Umgekehrt muss es aber nicht wirken (äußeres Ausleben erzwingt nicht inneres Ausleben).

Problematischer wird es, wenn diese Defizite islamkonform gemacht werden. Das ist nur ein Beispiel und das ganze kann natürlich auch in die andere Richtung schießen. Dies erklärt auch die Wankelmütigkeit vieler "praktizierender" Menschen und die teils extrem paradoxe Lebensweise und Lebenseinstellung.
3. Eine gewisse genetische oder soziale vorteilhafte geistige Anlage oder Kapazität erzwingt kein tatsächliches Ausleben des "Guten". Diese Kapazitäten u. geistige Anlagen müssen gepflegt und bereichert werden durch konkrete Vorgaben und Schemata (Bildung).

Ein Hadith der diese Bedeutung bestätigt, selbst aber nicht authentisch ist, sagt: "Hütet euch vor dem (schönen) Grün(en) (Gewächs) auf dem Dunghaufen." Sie fragten: "Was ist das (schöne) Grün(e) (Gewächs) auf dem Dunghaufen.?" Er sagte: "Die schöne Frau in einem schlechten Haus."

Zum Abschluss: Es wird nicht ausgeschlossen, dass ein Mensch sich in vielerlei Hinsicht verändern und verbessern kann. Man sollte dies eher als einen Anstoß empfinden über sich selbst zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen.

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