Toleranz innerhalb des Fiqh

In den Fiqhwerken gibt es ein Kapitel, das um die Gerichtsbarkeit und juristische Abfertigungen handelt; und zwar in jeder Rechtsschule. Da die gerichtlichen Institutionen größtenteils auch an eine bestimmten Rechtsschule gebunden waren, und die Rechtsschule von Ort zu Ort, Gericht zu Gericht teilweise unterschiedlich sein konnte, könnte es öfters zu Urteilsaufhebungen kommen; so würde man zumindest meinen.

In facto war dies aber nicht der Fall und den Rechtsschulen war dies durchaus bewusst. Aus diesem Grund wird eine Maxime in den Fiqh, Uṣūl al-Fiqh und den Werken der al-Qawāiʿd al-Fiqhīya erwähnt, die diese Angelegenheit regelt, aber auch die Toleranz des Fiqh und Aufgeschlossenheit des islamischen Fiqhs widerspiegelt. In der Frühe war die judikative Institution auch gelegentlich zur Exekutive bemächtigt und hier kommt die Aufgeschlossenheit ans Tageslicht. Was ist, wenn diese Institution einen Vollstreckungsbefehl bekommt, in einem Sachverhalt, in dem der eigene Maḏhab anders geurteilt hätte?

Hier findet diese Maxime Anwendung, die in den anfangs genannten Disziplinen teils unterschiedlich formuliert wird, aber im Kern identisch ist:

„Wenn ihm (dem vollstreckenden Qāḍī) ein Urteil zur Vollstreckung vorgelegt wird, welches nicht aufgehoben werden muss, dann ist er dazu verpflichtet dies zu tun.“

Dies zeigt uns, dass der Umgang mit Sachverhalten, in denen es einen legitimen Meinungsunterschied gibt, gänzlich anders auszusehen hat, als der Umgang in nicht gebilligten Meinungsunterschieden. Dass ein Qāḍī ein Urteil vollstreckt, welches nach seiner Rechtsschule ein anderes Ende genommen hat, ist das höchste Maß an Toleranz und ein Eingeständnis dafür, dass es sich hier nicht um unanfechtbare, unumstößliche Grenzen handelt, (sondern) vielmehr um Dinge, in denen ein Austausch und eine Vielfalt geduldet werden kann.
Ein Großteil der Sachverhalte, in denen sich die traditionellen Rechtsschulen uneinig sind, gehört eben zu diesem Bereich des legitimen Meinungsunterschiedes; auch wenn es den Sturköpfen zuwider ist.
Die Akzeptanz dieser (beschränkten) Vielfalt wird aber von vielen verbohrten Zeitgenossen mit etwas verwechselt, das kein ernst zu nehmender Gelehrte jemals auch nur erwähnt hätte: Die Meinungsverschiedenheit als Beweis für die Legitimität einer Aussage oder Handlung zu nehmen.
Die Toleranz und Aufgeschlossenheit hat nichts mit Letzterem zu tun. Wer diese gleichsetzt, der leidet an Verständnismangel. Die Meinungsverschiedenheit darf nicht als Beweis für die Legitimität einer Handlung genommen werden, d. h., wenn jemand nach Auskunft um die Grundlage des legitimen Status einer Handlung bittet, dann wird ihm gesagt: „Hier gibt es Meinungsverschiedenheit und deswegen ist es erlaubt.“ Das ist mit Konsens der Gelehrten nicht akzeptabel. Jedoch schließt dies nicht aus, dass ein Laie diese und jene Meinung basierend auf einer legitimen Form des Taqlīd annimmt und umsetzt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Ist es nicht besser, dass wir vier Meinungen haben als hunderte und zighunderte? Würde jeder einzelne, der von den Menschen gefolgt und geachtet wird, seine Meinung durchsetzen wollen, dann hätten wir hunderte Meinungen. Beschränken wir uns auf die Rechtsschulen, so haben wir deutlich weniger! Schließlich begründen einige die Abschaffung der Rechtsschulen damit, dass sie zur Zerstreuung und Anarchie führen.
Wann ist aber eine Ungereimtheit der Meinungen akzeptabel und wann nicht? Eine Frage, auf die ebenso viele keine fundierte Antwort haben; (sondern viel)mehr nur oberflächliche, seichte Annahmen.
Darauf wird in einem anderen Schreiben eingegangen – inšāAllāh.

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