1. Der Blick eines ausgereiften Mannes, gerichtet an eine ausgereifte und fremde Frau (ohne Bedürftigkeit)

Mit „fremde Frau“ meinen die Rechtsgelehrten alle Frauen die man heiraten darf, auch wenn sie mit ihm fern verwandt oder auch bekannt mit der jeweiligen Person sind.

Diese Art des Blicks ist ḥarām, selbst wenn der Mann nur auf die, mit ihrem Kopf verbundenen Haare der (fremden) Frau, schaut. Getrennte Haare oder Körperglieder fallen nicht unter dieses Urteil.
Das Gesicht und die Hände gehören, gemäß dem maḏhab der ḥanābila, mit zu diesem Verbot. (Gemäß der Auffassung der ǧumhūr gehören das Gesicht und die Hände nicht zum Verbot, dennoch sind sich alle einig, dass das lüsterne Blicken auf das Gesicht (einer fremden Frau) ḥarām ist).

2. Eine Frau anzuschauen, die nicht begehrt wird.

Hier ist die Rede von einer Frau, welche nicht begehrt wird, entweder wegen ihrem hohen Alter, Verunstaltung (Hässlichkeit) oder wegen Krankheit. Allāh sagt:
وَٱلۡقَوَٰعِدُ مِنَ ٱلنِّسَآءِ ٱلَّٰتِي لَا يَرۡجُونَ نِكَاحٗا فَلَيۡسَ عَلَيۡهِنَّ جُنَاحٌ أَن يَضَعۡنَ ثِيَابَهُنَّ غَيۡرَ مُتَبَرِّجَٰتِۢ بِزِينَةٖۖ
60. „(Was nun) die älteren Frauen (betrifft), die nicht mehr auf Heirat hoffen können, so trifft sie kein Vorwurf, wenn sie ihre Tücher ablegen, ohne ihre Zierde zur Schau zu stellen […].“ [sūra an-Naḥl]

Diese Art des Blicks ist erlaubt, betrifft aber nicht die Stellen, die im Gebet bedeckt werden müssen. Sprich, alles außer dem Gesicht, die Hände und die Füße nach einer Auffassung. Bei der Majorität der Rechtsschulen gilt dies natürlich nicht, da man bei ihnen ohnehin das Gesicht anschauen darf.

Da die meisten Normen der šarīʿa eben zweckorientiert sind und hier auch das Charakteristikum (ʿilla) des Ausnahmegrunds (nicht begehrenswert) erwähnt wurde, beschränkt sich das Urteil nicht nur auf die greise Dame, sondern jede Frau, die in der Regel nicht begehrenswert ist, selbst im jüngeren Alter.
Bemerkung: Die allgemeinen Zwecke und auch die kleineren Zwecke, die den größeren subsumiert werden, können nur von bewanderten Menschen erkannt und erfasst werden, die durch das Studium der šarīʿa ihren Geist erkannt haben. Dies deutet zwei Irrwege auf. Zu einem jene, die im Namen der Zweckrationalität konsensuelles anfechten und zweitens: Das Pendant der Ersten, die die Texte nur nach lexikalischer Bedeutung und stilistischen Parametern interpretieren und die im Text verankerten Ursachen und Zwecke vernachlässigen. Zu den Letzteren gehören die ẓāhirīya und viele Zeitgenossen, die den Rechtsschulen ablehnend eingestellt sind, nehmen allmählich ähnliche Züge. Zu den beschämenden Exempeln gehört zum Beispiel die Auffassung der ẓāhirīya, dass es zwar verboten wäre, in ein stehendes Gewässer zu urinieren, nicht aber darin zu koten. Begründet wird dies damit, dass der Gesandte Allāhs sagte: „Ihr sollt nicht in stehendes Gewässer urinieren.“ Dies ist die Auffassung des ẓāhirī ibn Ḥazm. Der Gesandte erwähnte nämlich nicht das Koten, behauptet er. Wenn es aber verboten wäre, hätte er es sicherlich erwähnt. Das ist nun nur ein sehr grobes Beispiel für diese absurde Methodik. In der Realität sind viele zeitgenössische Prediger und jene, die dem Wissens zugeschrieben werden ähnlichen Verfahren verfallen. Manchmal auf etwas subtilerer Art und Weise, die nicht für naive erkennbar ist. Es ist äußerst seltsam, dass viele jener, die genau diese Zeitgenossen für ihre theologischen Auffassungen kritisieren, ihre rechtlichen (fiqh) Auffassungen aber weiterhin annehmen. Hierin appelliere ich, zu den klassischen, konservativen Optionen zurückzukehren, insbesondere den, von den Muslimen anerkannten und über Jahrhunderte währenden Rechtsschulen. Die Rechtsschulen sind ein Sicherheitsventil, die das Abgleiten zu exzentrischen, aus dem Rahmen fallenden Auffassung, Einhalt gebieten. Werden die maḏahib erst einmal an den Rand gerückt, ergeben sich die besten Möglichkeiten für die ausgefallenen Meinungen. In kommenden Beiträgen werde ich inšāʾAllāh eine Reihe von Beispielen aufzeigen für diese exotischen Meinungen vieler Zeitgenossen verschiedener Richtungen, die sich teilweise dem Konsens widersprechen oder sämtlichen etablierten Rechtsschulen. Dies war ein kleiner Exkurs und nun wieder zurück zum Blick:

3. Dass man eine Frau betrachtet, wegen einer Zeugenaussage oder wenn der Mann mit der (fremden) Frau umgeht, Handel oder Geschäfte treibt (Verkauf, Vermietung, Verleihung, …)

Diese Art von Blick ist erlaubt, damit man weiß, mit wer man umgegangen ist, um eventuell später zu selben Person zu gelangen oder im Falle eines Streitfalls gegen sie auszusprechen.

4. Das man sich eine Frau anschaut, wegen der „ḫiṭba“ (Brautwerbung)

Diese Art von Blick ist erlaubt und er darf sich die Frau anschauen bzw. das, was man in der Regel von ihr sieht (Gesicht, Hals, Hände, und Füße entsprechend unseres maḏhab).
In diesem Fall darf man sich auch die bedeckte Figur der Frau anschauen
Sahl b. Saʿd berichtete: „Eine Frau kam zum Gesandten Allāhs, und sagte: „Ich bin zu dir gekommen, um mich selbst als Geschenk an dich zu geben. Der Gesandte Allāhs hob seinen Blick zu ihr und senkte ihn, senkte dann seinen Kopf zum Boden. Als die Frau sah, dass er über ihr Angebot keine Entscheidung traf, setzte sie sich hin. Darauf stand ein Mann von seinen Gefährten auf und sagte: „O Gesandter Allahs, wenn du nichts mit ihr vorhast, dann gib sie mir zur Frau!“ […]. Überliefert bei al-Buḫarī. Sich eine Frau zwecks der Heirat näher zu betrachten ist aber nur unter Bedingungen zulässig:
1. Es darf nicht alleine, in Zurückgezogenheit mit der Frau geschehen.
2. Es dürfen keine lüsternen Blicke sein.
3. Es muss eine gewisse Vermutung geben, dass man ihm die Frau auch zur Ehe anbieten würde. Sollte er z. B. wissen, dass man sie nicht mit ihm verheiraten wird, dann ist es unzulässig.

5. Dass man die ḏāt maḥram anschaut

Diese Art von Blick ist zulässig und hier darf man das sehen, was gewöhnlich im Haushalt entblößt wird (Kopf, Hals, Füße, Gesicht, Hände).

Hierzu gehört auch der Blick, welcher gerichtet ist an ein Mädchen unter 9 Jahren.
ḏāt maḥram ist jede Frau, die man rechtlich, wegen der Verwandtschaft, oder eines anderen legitimen Grundes niemals heiraten darf. Ausgenommen davon ist die Frau, die er wegen dem Verfluchungsschwur (liʿān) nicht mehr heiraten darf . ḏāt maḥram ist z. B. seine Schwester, Milchmutter, Milchschwester, Frau des Vaters oder Sohnes, Mutter der Frau etc.

In diese Kategorie fallen auch Mädchen, die das 9 Lebensjahr, nach dem Mondkalender, erreicht haben.

6. Die Anschauung wegen der Behandlung.

Hier muss erwähnt werden, dass diese Form von Anschauung wegen der akuten Bedürftigkeit geschieht. Wichtig zu wissen ist, dass die Not gemäß ihrem Ausmaß eingeschränkt wird. Entsprechend darf der Arzt in einem ähnlichen Fall, oder jemand, der sich um einen Kranken kümmert, selbst wenn es sich um eine Frau handelt, die betroffenen Körperstellen sehen. Dazu zählt auch die nötige Krankenpflege wie das Waschen, Rasieren etc. Es wird überliefert, als der Prophet -صلى الله عليه وسلم – Saʿd über die Banū Quraiẓa richten ließ, wurden ihre Geschlechtsglieder entblößt um festzustellen, ob sie de Vollreife erreicht haben.

7. Der Blick eines Mannes zu einem Mann oder einer Frau zu einer Frau

Der Mann darf von einem Mann alles außer der ʿaura des Gebets sehen. Sprich, alles was sich zwischen Bauchnabel und Knie befindet, wobei Knie und Bauchnabel nicht dazu gehören. Ebenfalls der Blick einer Frau zu einer Frau oder einem fremden Mann.
In diese Kategorie fallen auch Mädchen, die dass 7. Lebensjahr erreicht haben, sich aber unter dem 9. Lebensjahr befinden.

8. Der Anschauung des Ehepartners

Der Ehepartner darf ohne irgendwelche Ausnahmen beäugt werden. Ebenso gilt es für Kinder unter sieben Jahren, da es für sie keine ʿaura gibt.

1. Hinweis: Überall, wo wir die Anschauung erlauben, wird bedingt, dass dies nicht begehrlich ist, anderenfalls wäre es ḥarām, ausgenommen von der Ehefrau.
2. Hinweis: Die Stimme der Frau ist keine ʿaura. Entsprechend muss die Frau ihre Stimme bei natürlichem Sprechen nicht verbergen und die Stimme einer Frau zu hören ist keine Sünde.

Allāh sagt:
يَٰنِسَآءَ ٱلنَّبِيِّ لَسۡتُنَّ كَأَحَدٖ مِّنَ ٱلنِّسَآءِ إِنِ ٱتَّقَيۡتُنَّۚ فَلَا تَخۡضَعۡنَ بِٱلۡقَوۡلِ فَيَطۡمَعَ ٱلَّذِي فِي قَلۡبِهِۦ مَرَضٞ وَقُلۡنَ قَوۡلٗا مَّعۡرُوفٗا ٣٢
„O Frauen des Propheten, ihr seid nicht wie andere Frauen! Wenn ihr gottesfürchtig sein wollt, dann seid nicht unterwürfig im Reden, damit nicht der, in dessen Herzen Krankheit ist, Erwartungen hege, sondern redet in geziemenden Worten.“

Folglich ist die Stimme eine Frau keine ʿaura, es sei denn sie spricht in einem lüsternen Ton.

[Vgl. Muntaha al-Irādāt, B.5, S.102-110, Ḥāšia ar-Rauḍ, B.6, S.233-238]

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