Zweite Frau ohne Erlaubnis der Ersten?

Das universale Prinzip: al-maʿrūf ʿurfan ka al-mašrūṭ šarṭan „Das dem ʿurf nach Bekannte gilt wie eine vereinbarte Bedingung.“
Der ʿurf ist linguistisch etwas gewohntes; Gewohnheit und Brauch oder die Wohltätigkeit. Terminologisch steht der ʿurf für Handlungen oder Ausdrucksweisen, die in einer Gesellschaft anerkannt und gewohnt sind. Der Begriff ʿurf und ʿāda sind bei den fuqahāʾ Synonyme, die oft gemeinsam verwendet werden in Form einer Tautologie (Fügung, die einen Sachverhalt doppelt wiedergibt, z. B. »immer und ewig«, »voll und ganz«).
Der ʿurf untergliedert sich in: verbalen und praktischen; allgemeinen und spezifischen; richtigen (šarīʿakonformen) und schlechten (ungültigen) ʿurf.
Beispiele für den verbalen ʿurf: Die Verwendung des Wortes „laḥm“ (Fleisch) für alles andere als den Fisch, oder das Wort „ad-dābba“ (alles bewegliche auf der Erde) für die Vierbeiner. Hierzufallen auch Beschimpfungen, da diese vom ʿurf abhängig sind.
Beispiele für den praktischen ʿurf: Die Einteilung der Morgengabe (mahr) in sofortige und teils zu einem späteren Zeitpunkt ausgezahlte Morgengabe.

Ebenfalls wird die Morgengabe einer Ebenbürtigen (mahr al-miṯl) durch den Brauch festgelegt, sollte die festgelegte Morgengabe illegitim sein, oder gar unbekannt.

Richtiger ʿurf: Dies ist eine allgemeine Gewohnheit, welche keinem expliziten Text aus dem Koran oder der Sunna wiederspricht, noch einen maßgeblichen Nutzen verfehlt und keinen maßgeblichen Schaden bringt.
Schlechter ʿurf: Umgekehrte Definition des richtigen ʿurf.
Ein Beispiel für den schlechten ʿurf wäre, dass der Mieter für den Schadensersatz aufkommen muss, selbst wenn der Schaden unverschuldet wäre. Dieser ʿurf steht konträr zur šarīʿa, da der Mieter ein Treuhänder ist und nur dann für entstandenen Schaden aufkommen muss, wenn der Schaden durch Nachlässigkeit oder Übertretung entstanden ist.

Allgemeines zum Prinzip: al-maʿrūf ʿurfan ka al-mašrūṭ šarṭan „Das dem ʿurf nach Bekannte gilt wie eine vereinbarte Bedingung.“
Überall wo verbale Bedingungen legitim sind, dort gelten auch auf den Brauch basierende Bedingungen, selbst wenn sie nicht wörtliche ausgesprochen oder niedergeschrieben werden. Eine auf den ʿurf beruhende Voraussetzung ist wie eine verbal ausgesprochene Bedingung.
Für die Entbindung von der, auf den ʿurf basierenden Bedingung, muss eine Antibedingung verbal gestellt werden.
Nun zu den praktischen Beispielen:
Wenn Käufer und Verkäufer uneinig darüber sind, ob die Sitzbezüge Bestandteil des Kaufvertrags waren. In diesem Fall wird betrachtet, ob Kissenbezüge gewöhnlich Teil des Verkaufes sind oder nicht.

Ist der Transporteur verpflichtet, die Ware in das Haus zu tragen, wenn dies im Vertrag nicht bedingt worden ist? Festlegung durch den ʿurf.
Darf der Mann eine zweite Frau ohne Erlaubnis der Ersten heiraten? Sollte es im Brauch und der Gewohnheit des Volkes, des Landes oder Dorfes nicht erwünscht sein, dann ist dieser Brauch wie eine mündliche Bedingung (auch wenn sie nicht explizit ausgesprochen wird). Entsprechend dem maḍhab der ḥanābila ist diese Form der Bedingung islamkonform

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