„Und du vermagst nicht, diejenigen hören zu lassen, die in den Gräbern sind.“ [Fatir:22]

Beim Lesen eines Verses aus der Sūra al-Fāṭir – eine mekkanische Sūra – ist mir anhand eines konkreten Beispiels aufgefallen, wie oft man selbst oder andere gewisse Verse so oberflächlich versteht und interpretiert, dass sie durch das oberflächliche, seichte Verständnis gar nicht mehr in ihren Kontext passen.
Nimm z. B. diesen Vers:

﴿ وَمَآ أَنتَ بِمُسۡمِعٖ مَّن فِي ٱلۡقُبُورِ ﴾ [ فاطر:22-22]

„Und du vermagst nicht, diejenigen hören zu lassen, die in den Gräbern sind.“ [Fatir:22]

Ist dieser Vers ein Beweis dafür, dass die Toten im Grab – im Zwischenleben (barzaḫ) – nichts mehr von dem weltlichen Leben wahrnehmen bzw. hören? Ungeachtet davon, ob das möglich ist oder nicht, hat der Vers eigentlich gar nichts damit zu tun. Er ist eine Allegorie, ein Gleichnis.

Das wird spätestens dann ersichtlich, wenn man den Anfang des Verses und seinen gesamten Kontext hinzufügt.

﴿وَمَا يَسۡتَوِي ٱلۡأَعۡمَىٰ وَٱلۡبَصِيرُ وَلَا ٱلظُّلُمَٰتُ وَلَا ٱلنُّورُ وَلَا ٱلظِّلُّ وَلَا ٱلۡحَرُورُ وَمَا يَسۡتَوِي ٱلۡأَحۡيَآءُ وَلَا ٱلۡأَمۡوَٰتُۚ إِنَّ ٱللَّهَ يُسۡمِعُ مَن يَشَآءُۖ وَمَآ أَنتَ بِمُسۡمِعٖ مَّن فِي ٱلۡقُبُورِ ﴾ [ فاطر:19-22]

19. Nicht gleich sind der Blinde und der Sehende, [Fatir:19]

20. noch die Finsternisse und das Licht, [Fatir:20]

21. noch der Schatten und die (Sonnen)hitze. [Fatir:21]

22. Und nicht gleich sind auch die Lebenden und die Toten. Allah lässt hören, wen er will. Und du vermagst nicht, diejenigen hören zu lassen, die in den Gräbern sind. [Fatir:22]

Der Tote ist hier der Kāfir und der Lebendige der Muʾmin (Gläubige). Genau so, wie es Weltenunterschiede und große Differenzen zwischen dem Blinden und Sehenden gibt, der Finsternis und dem Licht, dem Schatten und der Hitze, so gibt es einen beachtlichen Unterschied zwischen dem Kāfir mit dem toten Herz und dem Muʾmin mit dem voll Leben pochendem Herzen.
Daher sagt Allāh an anderer Stelle:

﴿أَوَ مَن كَانَ مَيۡتٗا فَأَحۡيَيۡنَٰهُ وَجَعَلۡنَا لَهُۥ نُورٗا يَمۡشِي بِهِۦ فِي فِي ٱلنَّاسِ كَمَن مَّثَلُهُۥ فِي ٱلظُّلُمَٰتِ لَيۡسَ بِخَارِجٖ مِّنۡهَاۚ كَذَٰلِكَ زُيِّنَ لِلۡكَٰفِرِينَ مَا كَانُواْ يَعۡمَلُونَ ﴾ [ الأنعام:122-122]

„Ist denn der, der tot war, und den wir dann lebendig gemacht und dem wir ein Licht gegeben haben, worin er unter den Menschen geht, wie einer, dessen Gleichnis, das jemandes ist, der sich in Finsternissen befindet, aus denen er nicht herauskommen kann? So ist den Ungläubigen ausgeschmückt, was sie zu tun pflegten. [al Anʿām:122]

„Und du vermagst nicht, diejenigen hören zu lassen, die in den Gräbern sind.“ Und wie auch die Toten in ihren Gräbern, welche die Rechtleitung ablehnten, von deinem Ruf nicht Gebrauch machen können, so verhält es sich auch mit den Ungläubigen, deren Herzen gänzlich abgestorben sind und versiegelt wurden.

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