Einer unserer šuyūḫ pflegte zu sagen, dass jemand, der nicht mindestens die Menge eines Bandes am Tag liest, sich keineswegs zu den Schülern des Wissens zählen sollte. Das hört sich vielleicht für den Untrainierten und Trägen überzogen an, ist aber durchaus machbar, wenn ein entsprechender Eifer und Geiz sich mit der Zeit entwickelt. Der gemeine Muslim und insbesondere der Talibul ilm sollte sehr geizig mit seiner Zeit verfahren und versuchen jeden freien Moment dem Lesen, Wiederholen und Ähnlichem zu widmen.

Ein anderer unserer šuyūḫ berichtete von einem afrikanischen Schüler, der innerhalb eines Jahres das Buch „Riyāḍ aṣ-Ṣāliḥīn“ memorierte. Er (der Schüler) pflegte jedes Mal, wenn er in der Kantine warten musste bis er an der Reihe war, einen Zettel zu zücken, auf dem er einige aḥādīṯ vom genannten Buch aufschrieb und diese (er)lernte. Heutzutage zückt man lieber in jedem „freien“ Moment das Smartphone und vergeudet „kleinere“ Momente, die, wenn man sie denn zusammenzählen würde, zu Stunden wachsen würden. Jedenfalls; er lernte auf diese Art und Weise jenes Werk (welches übrigens ca. 1900 Überlieferungen beinhaltet) innerhalb eines Jahres. Die Zeit entspricht dem Gold; wenn sie weg ist, ist sie fort. Viele Menschen widmen ihre Zeit jenen Dingen, welche dieser Zeit nicht wert sind und das ist der größte Trug, den man sich überhaupt einhandeln kann.

Im bekannten ḥadīṯ von Ibn ʿAbbās lautet es, dass der Prophet ﷺ. sagte:

„Zwei Gnaden Allāhs; ihr bezüglich sind die meisten Menschen im Trug: Die Gesundheit und die Muse (freie Zeit).“

Das hier im ḥadīṯ verwendete Wort „al-ġabn“ (Trug) bedeutet eigentlich, dass man z. B. etwas für einen viel zu niedrigen Preis verkauft oder das man umgekehrt etwas für einen überwucherten Preis erkauft. Wer gesund ist, freie Zeit findet und diese nicht in konstruktive Dinge investiert, der hat seine Zeit und Gesundheit für Tätigkeiten verschwendet, die es nicht wert sind.

Aus der Biographie des faqīh Sulaim b. Abī Ayyūb ar-Rāzī sagte Ibn ʿAsākir:

„Mir wurde berichtet, dass er selbst die kleinsten Momente in Rechnung zog und keinen Moment seiner Zeit ohne einen Nutzen vergeudete. Entweder schrieb er ab, unterrichtete oder aber er las…
Unser šaiḫ Abū al-Faraǧ al-Isfarayīnī berichtete, dass er ihn eines Tages in seinem Heime besuchte, um schließlich zurückzukehren; auf dem Rückweg sprach er:

„Ich habe auf dem Weg einen ǧuzʾ gelesen.“

ʿAbd al-Qādir ar-Rahāwai berichtet über den legendären imām Abū Ṭāhir Aḥmad b. Muḥammad as-Silafī al-Aṣbahānī, dass er während seines Aufenthaltes in Alexandria nur ein einziges Mal für einen Ausflug herauskam. Er pflegte seine ganze Zeit in seiner madrasa zu verbringen und wann immer man bei ihm hereintrat, hing er an einem Buch. Seine Liebe zu den Büchern hat ihn Unmengen von Geld in sie investieren lassen.

al-ḥāfiẓ ʿAbd al-ʿAẓīm al-Munḏirī sagte:

„as-Silafī war von Büchern begeistert. Wann immer er etwas Geld zur Hand bekam, gab er es für Bücher aus.“

ar-Ruhāwī berichtet auch, dass der Herrscher Ägyptens an einer seiner Sitzung teilnahm, um den ḥadīṯ zu hören. Es kam vor, dass er (der Herrscher) zwischendurch mit seinem Bruder sprach, woraufhin der šaiḫ sie tadelte und sprach:

‚Wir lesen den ḥadīṯ und ihr unterhaltet euch?!‘

Ibn al-Ǧauzī beschreibt seine Begeisterung:

„Ich kann vom Lesen der Bücher nicht gesättigt werden. Wenn ich ein Buch sehe, dass ich zuvor nicht sah, dann kommt es mir vor, als hätte ich einen Schatz gefunden. Ich habe mir die Liste der gestifteten Bücher von der al-madrasa an-niẓāmīya betrachtet. Sie beinhaltet 6.000 Bände […]. Und wenn ich sagen würde, ich habe 20.000 Bände (muǧallad) gelesen, so wären es in der Realität sicher noch weitere; und das alles allein während meines Studiums.

[Das Wort al-muǧallad (Band) stand früher für eine bestimmte Anzahl von Seiten, die von Zeit zu Zeit unterschiedlich waren. Zuweilen wurde ein Heft bestehend aus 10 Seiten muǧallad genannt und manchmal 200-250. Was er hier genau meint, das ist mir nicht sicher bekannt. Er selbst sagt auch, dass er mit seiner eigenen Hand 1000 Bänder (muǧallad) geschrieben hat. Seine Büchertitel erreichen aber ungefähr eine Anzahl von 300 Büchern.]

Um etwas Derartiges zu bewerkstelligen, muss der Umgang mit der Zeit gelernt sein.
ʿĀmir b. ʿAbd Qais sagte, wenn ihn jemand um ein Gespräch bat:

„Halte die Sonne auf [dann spreche mit mir].

Wenn der Mensch begreift, dass der Tod seinem Werke ein Ende setzen wird, so wird er sein irdisches Dasein nutzen, um für das beständige Jenseits zu arbeiten. Die meisten Menschen aber „ersticken“ ihre Zeit auf erstaunlichste Art. Wenn es tief in die Nacht geht, dann durch unnütze Gespräche oder durch das Lesen von sinnloser Literatur. Oder wenn es mal einen langen Tag geben sollte, dann im Schlaf und dazwischen entweder im Basar oder auf einem Ausflug. Sie sind wie jemand, der sich auf einem Schiff befindet, das sie forttreibt, aber sie nehmen davon nichts wahr. Nur die wenigsten verstehen und begreifen wirklich den Sinn ihres Seins und bereiten sich auch entsprechend ihrer Kenntnis auf das bevorstehende vor.

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