Es gibt einiges an klassischer Literatur, die schon früh von den Orientalisten aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt wurde. Teilweise finden wir anthologische Werke, Bücher der Grammatik, Fabeln, biografische Texte, theologisches Material etc. Meistens sind das irgendwelche Professoren oder sonstige Akademiker gewesen. Ich muss aber feststellen, dass diese Bücher – auch wenn sie in einer gehobenen deutschen Sprache geschrieben wurden – leider oft den eigentlichen Sinn der Ausgangstexte gravierend verfehlen. Das ist ein typisches Merkmal von vielen dieser Übersetzungen. Ich glaube, diese Menschen haben zu wenig Geschmack für die arabische Stilistik gehabt, marginale Kenntnis über die Kultur und zu wenig fachübergreifende Kenntnis.
Meine Empfehlung: Wenn ihr nicht in der Lage seid, die Übersetzungen mit dem Original zu vergleichen, dann erspart euch die Mühe.
Ein Beispiel aus einem Meer von Beispielen:
Gustav Flügel hat das Buch „Muʾnis al-Waḥīd“ von aṭ-ṭaʿālibī übersetzt, berichtigt und mit Anmerkungen erläutert. Leider ist diese Übersetzung auch nur eine groteske „Missgeburt“ geworden.
Auf Seite 19 wird eine Aussage von al-Manṣūr an seinen Torwärter al-ḫaṣīb wie folgt übersetzt: „Dir steht in meinem Dienste große Macht zu Gebote, und über meine Torwache übst du die ausgebreitete Gewalt. Sei freundlich gegen die, die um Eintritt bitten und bewahre deinen Ruf vor den Beschimpfungen derer, denen er versagt wird. Lass ihnen weder Nachgiebigkeit in der Erlaubnis zum Eintritt noch Freundlichkeit des Gesichts merken.
„große Macht“ sollte eher lauten: „hoher Rang“, denn Macht hat man nicht wirklich als Türsteher. Auch übt er keine tatsächlich ausgebreitete Gewalt und der Begriff „ʿarīḍ al-ǧāh“ sollte als „hoch angesehen“ übersetzt werden.
Diese Fehler kann man noch dulden.
Aber der letzte, dick markierte Teil wurde diametral zu dem übersetzt, was der König eigentlich sagen wollte. Es müsste sinngemäß lauten:
„Es gibt nichts, womit man ihre Herzen besser gewinnen könnte, als die Nachgiebigkeit in der Erlaubnis zum Eintritt und Freundlichkeit des Gesichtes.“
Ein Beispiel für Fehlübersetzungen wegen unzulänglicher Kenntnis der Kultur und Geschichte. Wieder auf der Seite 19 im selben Buch:
„ar-Rašīd sprach zu seinem Kämmerer: „Verwehre den Zutritt zu mir dem, der, wenn er sitzt, lange sitzen bleibt, und wenn er bittet, abgeschmackte Sachen vorbringt. Behandle den Würdigen (ḏī al-ḥurma) nicht verächtlich und gib den Vorzug den Herren vom Gebete (Abnāʾ ad-Daʿwa).“
1. Ich denke er meint mit dem Begriff ḏī al-ḥurma (übersetzt als Würdigen) die Verwandten des Gesandten ﷺ zu denen sich die Herrscher der Abbasiden-Dynastie auch bekennen.
2. Er übersetzt das Wort „abnāʾ ad-Daʿwa“ als „Herren vom Gebete“ und denkt, dass Wort „Daʿwa“ habe etwas mit dem duʿāʾ zu tun. Die Abbasiden hatten überall ihre Lakaien und Verfechter ihrer kommenden Herrschaft verbreitet. Sie sollten die Menschen gegen die Umawiden hetzen und zu ihrem Sturz verhelfen. Diese nannte man „abnāʾ ad-Daʿwa“. Wie ihr sehen könnt, hat das nichts mit dem Gebet zu tun.
Es gibt kaum eine Aussage in dem Buch, die inhaltlich nicht inkorrekt wäre. Ähnlich sieht es auch mit vielen anderen Übersetzungen aus.
Die erste Aussage auf Seite 20 ist auch ein Exempel:
„Yazīd Benu‘ al-Mualleb gab seinem Sohne den Rat: Halte die Schreiber streng und schränke die Kammerdiener ein.“
Es müsste aber lauten: „Such dir charmante Schreiber und clevere Kammerdiener/Torwärter.“

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